Musik

  Nach fast 50 Jahren der erste veröffentlichte Tonträger:

 Lord’s Family / Innere Musik – 10″ Vinyl-Review

Veröffentlicht: 01. Juni 2019

 

 

Von Ulli Heiser

Künstler: Lord's Family Label: Sireena Records Musikstil: ImprovisationKrautrockPsychedelic

Sireena ist ja bekannt dafür, auch aus den Tiefen der deutschen Musikszene immer wieder Schätze zu bergen. Unbekanntes, Vergessenes, Kurioses …
So auch in vorliegendem Fall der Lord’s Family. Angeregt durch den Film von Kommunarde Sepp Kuffer war es eigentlich klar, dass sich das Label um dieses Stück Musikhistorie kümmern musste. Diesen Film von Sepp möchte ich euch unbedingt ans Herz legen, zeigt er doch neben der Musik auch gesellschaftspolitische Hintergründe und Lebensweisen auf, wie man sie heute kaum noch kennt. Diese Stunde youtube schauen kann bilden und vermittelt Wissen über die damals angesagten Kommunen. Denn das war die Lord’s Family, eine spirituelle Land- und Musikkommune.

Gegründet 1970 in Nürnberg, lebte die Family von 1971 bis 1974 im Altmühltal. Die Zeit war hochpolitisch. Die 68er, RAF, Studentenunruhen … Aber es war auch die Zeit der Rockmusik, ja, es war eigentlich die Zeit der musikalischen Revolution. Viele junge Leute sagten per Musik, inklusive Kleidung und Frisur, dem Establishment Adieu und tauchten ab in den neuen Musikkosmos. Natürlich mit allen Begleiterscheinungen, zu denen auch bewusstseinsverändernde Substanzen gehörten.

Fast allen jungen Leuten, die damals auf dem Bahnsteig des Lebens den Rock-Zug nahmen, war eines gemein: politisch stand man eher links. Grün als Partei gab es noch nicht, aber es gab Bewegungen bzw. Einstellungen hin zu Natur und Umwelt, die zur späteren Gründung beitrugen. Auch die Lord’s Family sagten dem normalen Leben Adieu und begannen in ihrem Schlössel, das dem Onkel eines der Kommunarden gehörte, ein eigenes, grünes, Ökologie- und Sozialystem zu entwickeln. Musikalisch waren eigentlich fast alle bereits vorbelastet und gerade in jenen Tagen wäre es bei einer derartigen Lebensgemeinschaft seltsam gewesen, Musik nur passiv zu konsumieren.

Es wurde hauptsächlich improvisiert und Psychedelic gab den Takt vor. Entgegen dem Trend, wählte die Family zu den krautigen Tunes deutschsprachige Texte. Inspiriert durch christliche und fernöstliche Spiritualität entstand so eine musikalische Mischung, die nicht auf Kommerz ausgelegt war. Zwar bekamen sie Aufmerksamkeit durch Presse und Rundfunk, Platten haben sie jedoch keine produziert. Aber live waren die »Mönche in Jeans« in der Republik unterwegs und sie kamen gut an. Viele Krautgrößen besuchten das Schlössel und wurden im Gegenzug auch von der Lord’s Family besucht. Wenn auch kein einziges Album das Schaffen der Kommune dokumentiert, so ist es ein Segen, dass die Family bereits damals das Medium 'Videoclip' für sich entdeckte und somit der Nachwelt ein Stück deutsche Musik- und Zeitgeistgeschichte bescheren kann.

Die Musik vorliegender Vinylscheibe stammt von Tonbändern aus Sepp Kuffers Besitz, der, wie auch Georg Frisch, Ali Schmidt und Gottfried Rimmele, heute noch musikalisch unterwegs ist. Trotz Alter und Quelle ist die Qualität der Aufnahmen erstaunlich gut. Musikalisch liegt über den meisten Tracks ein fernöstlicher Touch, der seinen Höhepunkt im "Abendlied" findet. Die Musik dokumentiert einerseits den Improvisationscharakter, der den Kompositionen innewohnt, zeigt aber auch, dass das nicht Chaos bedeuten muss. Alles fließt mehr oder weniger relaxt und meditativ treibend durch die Minuten. Gesanglich wird meistens der Erzählmodus genutzt, der durch diese Form der Sprachausgabe die Lyrics unterstreicht. Wenn das Label schreibt, dass sich die Lord’s Family »irgendwo zwischen Amon Düül II und Popol Vuh bewegt«, dann ist da nicht zu widersprechen. Man muss die Musik und die Spielweise auch unbedingt im Gesamtkontext sehen. Da sind keine Musiker am Werk, die sich treffen um zu musizieren, sondern die ihre Gemeinschaft auch durch das Medium Musik definieren.

In den Improvisationsjams findet sich genau der musikalische Duktus jener Zeit. Ob der Zeiger nun mehr Richtung Kraut oder Psychedelic geht, mag ein jeder für sich beurteilen. Es ist auf jeden Fall Musik, die inspiriert und der man anhört, dass die Protagonisten mit Leidenschaft bei der Sache waren. Tja, wenn man nun einige der Ex-Kommunarden im Netz sucht, findet und sieht, welchen Werdegang sie genommen haben, dann ist es kaputt, das Klischee, dass aus langhaarigen, kiffenden und sich aus der ’normalen' Gesellschaft verabschiedenden Menschen nichts werden kann.
Diese Kommune stand wohl unter einem guten Schirm.

Innere Musik ist nicht nur ein limitiertes und farbiges Stück Vinyl, es ist auch ein Stück Geschichte. Ein wertvolles. Und zum Schluss nochmal meine Empfehlung, sich den einstündigen Beitrag über die Lord’s Family unbedingt anzusehen.

Line-up Lord’s Family:

Ebo Petschel (dr)
Georg Frisch (eb)
Alfons Schmid (git)
Gottfried Rimmele (vl)
Martin Seliger (ts, fl)
Ali Schmidt (lead git)
Barbara Rimmele (fl, perc)
Ruth Marschall (perc)
Sepp Kuffer (org, p)
Gitti Fleck (perc)
Michael Ostarek (Sprecher)
Peter Sturm (perc)

Tracklist "Innere Musik":

Seite 1:

  1. Sonntagsmusik (3:48)

  2. Wanderer (5:18)

  3. Family im Wald (3:!2)

Seite 2:

  1. Weltall (7:00)

  2. Session (3:40)

  3. Abendlied (1:50)

Gesamtspielzeit: 24:48, Erscheinungsjahr: 2019


"Plakat von 1972"